Medea in den Städten ist eine szenische Montage aus Interviews mit heute lebenden Kindermörderinnen, eigenen Texten und Fragmenten unzähliger Medeabearbeitungen.
Susann F. aus Plauen, angeklagt, drei ihrer fünf Kinder getötet zu haben.
Jörn G., Lebensgefährte und Vater dieser Kinder, im Zeugenstand
Richter: Wie würden Sie Susann F. charakterisieren?
Jörg G.: Ich konnte nichts aussetzen!
Richter: War sie sensibel?
Jörn G.: Frauen sind doch immer sensibler als Männer
Richter: Nee! War sie verlässlich?
Jörn G.: Tipptopp.
Richter: Verletzlich?
Jörn G.: Ist möglich.
Susann F. schlägt die Hände vors Gesicht.
„Was ist es, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet?“ (Büchner)
Der Rückfall in die Barbarei erschreckt uns, weil er zeigt: Zivilisation ist gefährdet und nie selbstverständlich.
Was wir als monströs von uns fern halten, gern in sozialen Unterschichten endlagern, kann unerwartet nah sein. Wenn Gewalt auf dem Weg ist, liegen Sprach- und Lieblosigkeiten davor. Wer weiß schon immer genau, wo er sich mit seinen Lieben und Ängsten befindet in dieser Zone?
Medea von hinten erzählt und im Ausblick. Denn Medea bringt sich nicht um, sie stellt sich dem Leben.
ART DES PROJEKTES: Angeregt durch die vielen publizierten Kindsmorde - von uns profund nachrecherchiert - schlagen wir den Bogen vom Heute zum antiken Drama, um den zementierenden Mythos aufzubrechen. Aus Interviews mit heute lebenden Kindsmöderinnen und eigenen Texten wird eine moderne "Medea" für unsere Schauspieler entwickelt werden. Die zentrale Frage, warum heute, im Zeitalter der Aufklärung, der Babyklappen, der finanziellen Sicherheit der Rückfall in Barbarei in unserer Mitte immer wieder ist gefährdet und nie selbstverständlich. Dieses hoch brisante Thema wird sinnlich erlebbar gemacht durch die allgegenwärtige Geschichte einer zutiefst verzweifelten Frau, die den Amok lebt, mordet und damit weiterleben muß. Denn sie bringt sich nicht um, sie stellt sich dem Leben. Den Mythos in der Gegenwart entdecken.
MODELLCHARAKTER: Innovationsförderung.
Amina Gusner entwickelt in Ihren Theaterproduktionen mit Schauspielern Stücke aus selbstgeschriebenen und Fremdtexten, die das reine Theater auflösen und mit Gesang, Klang, Lichträumen und Film spielen. Ihr philosophischer Zugriff auf Themen dieser Zeit in Verbindung mit dem konventionellen Einsatz unterschiedlicher Medien transportiert sinnlich und in spielerischer Form persönliches Erleben.Wir leuchten hinein in die dunklen Bezirke von Trieb und Gefühl, zoomen heran, stellen scharf und machen es groß.Mit Rückblenden in die Liebe, in den Mord, in das Gefängnis entsteht in großen Bildern der innere Kosmos dieser allzu menschlichen Mörderin. Medea von hinten erzählt und im Ausblick.
REGIE UND KONZEPT: Amina Gusner
SPIEL: Eva Verena Müller, Richard Barenberg
DRAMATURGIE: Torsten Bischof
BÜHNE: Johannes Zacher
KOSTÜME: Inken Gusner
MUSIK: Ruben Donsbach
BÜHNENBILDASSISTENZ: Karoline Köster
REGIEASSISTENZ: Sarah Klöfer
PRODUKTION UND PR: Björn Pätz
PREMIERE: 18.12.2008, Theater unterm Dach, Berlin
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